img - 2020-08-31_Internationale Apotheke: Helgoland

(Inter-)nationale Apotheke. Heute: Helgoland

Mit Seekrankheit, Sonnenbrand und Sturmböen kennen sich Carsten Hase und Isolde Maiwald-Hase bestens aus. Sie sind Insel-Apotheker auf Helgoland, Deutschlands einziger Hochseeinsel. Die Insulaner sind glücklich, die beiden zu haben. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag.

Isolde Maiwald-Hase und Carsten Hase sind seit 2013 Insel-Apotheker. Die beiden kommen ursprünglich aus Braunschweig, möchten das raue Klima, Wellen, Wind und Sturmböen mittlerweile aber nicht mehr missen. Ihre Apotheke ist die einzige auf Helgoland.

Wenn auf der Nordsee ordentlich Wellengang herrscht und eine steife Brise weht, haben Isolde Maiwald-Hase und Carsten Hase ganz besonders viel zu tun. Denn dann kommen täglich gut 200 der rund 3500 Tagesgäste in ihre kleine Insel-Apotheke auf Helgoland und fragen beispielsweise nach Medikamenten gegen Seekrankheit. So eine mehrstündige Überfahrt mit dem Fahrgastschiff MS „Helgoland”, der Lady v. Büsum, der Fair Lady, der Funny Girl oder mit dem Katamaran „Halunder Jet” liegt so mancher Landratte ein bisschen quer im Magen. Anderen Kunden schmerzen Rücken oder Knie – die drei Kilometer rund um Deutschlands einzige Hochseeinsel sind für viele anstrengender als vom 70 Kilometer entfernten Festland aus gedacht.

„Irgendwo ins grüne Meer hat ein Gott mit leichtem Pinsel, lächelnd, wie von ungefähr, einen Fleck getupft: Die Insel!” James Krüss, Dichter (1926-1997

Das Rauschen der Wellen und das Kreischen der Möwen sind die ersten Geräusche, die Carsten Hase und Isolde Maiwald-Hase hören, wenn sie morgens um 9 Uhr im Oberland der Insel die Türen ihrer Apotheke aufschließen. Hier ein Hallo, dort ein Guten Morgen zu den Einheimischen – man kennt sich auf der nur 1000 Meter langen und 700 Meter breiten Insel. Wenig später werden die ersten Boote im Hafen anlegen, die Touristen in einem gleichmäßigen Rhythmus wie übermütige Wellen über die Insel schwappen. Vorbei an den berühmten Hummerbuden, den Souvenierläden und den urigen Kneipen und Restaurants mit Namen wie Inselkrug, Sailor's Cocktailbar, Zum Freibeuter Störtebeker oder Pinkus Eiergrogstube. Viele von ihnen werden bei Apotheker Hase vorbeischauen, dankbar dafür sein, das berühmte rote Apotheken „A” auf hoher See entdeckt zu haben. Denn das bedeutet Sicherheit, wenn der Boden auch nach Stunden mit festem Boden unter den Füßen immer noch wie ein Boot zu schwanken scheint und der erste Sonnenbrand zwackt.

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Inselapotheker kennen keinen Feierabend
Was wohl niemand von ihnen ahnt: Einen Feierabend kennen die Insel-Apotheker nicht. Carsten Hase und seine Frau sind 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag im Dienst. Das Ehepaar wohnt direkt über der Apotheke, nur 13 Stufen trennen die privaten Räume von der Offizin. Egal ob ein Einheimischer nachts hohes Fieber bekommt, oder einen Touristen im Morgengrauen ein Magen-Darm-Virus plagt – die beiden Apotheker sind immer zur Stelle. Auch nachts und beim Duschen ist das Telefon immer im Griffweite. Selbst in ihrer Freizeit sind sie sich dieser ganz besonderen Verantwortung, die eine Apotheke auf einer Hochseeinsel mit sich bringt, bewusst. Einen gemeinsamen Spaziergang können die beiden nur dann machen, wenn es garantierten Handyempfang gibt. Das gleiche gilt beim Restaurantbesuch, zu weit abgelegen darf die Gastwirtschaft nicht sein. Ein gemeinsamer Ausflug ins Schwimmbad? Undenkbar. Hinter jedem Anruf könnte ein echter Notfall stecken.

Doch der langen Anna, dem Wahrzeichen der Insel, Lebe-wohl sagen und auf dem Festland ein Leben mit geregeltem Notdienst führen? Das können sich Carsten Hase und seine Frau nur noch schwer vorstellen. Die Insel hat sie gepackt. Die Freiheit, die Abgeschiedenheit, die Ruhe – das gehört mittlerweile zu ihrem Leben dazu. Was sind schon Kinos, Theater und große Oper, wenn man mitten in der Natur leben kann? „Ich komme auf meinen Spaziergängen den Tölpeln manchmal so nah, dass ich sie streicheln könnte. Aber das geht natürlich nicht, es sind und bleiben Wildtiere”, sagt Carsten Hase.

Apotheke in den Kleinanzeigen gefunden
Das kleine Inselglück fand seine Frau 2013 in den Kleinanzeigen einer pharmazeutischen Zeitschrift. Der damalige Apotheker hatte auf diesem Weg eine Saison-Kraft von April bis Oktober gesucht. Ein Apotheker vom Festland sollte die Geschäfte übergangsweise führen – so hieß es. Was Carsten Hase und seine Frau nicht wussten: Insgeheim suchte der alteingesessene Insel-Apotheker einen Nachfolger, hoffte, dass der Funke bei der Vertretung überspringen würde. Und der Plan ging auf. Immer mehr verliebten sich die beiden Apotheker aus Niedersachsen in Helgoland. Während Isolde Maiwald-Hase schon den Ernstfall probte, sich bei den Einheimischen bekannt machte und sich an das Leben mit den Touristen gewöhnte, pendelte Carsten Hase anfangs noch alle zwei Wochen von Braunschweig aus auf die Insel. Und so langsam keimte in beiden der Wunsch, länger als nur ein paar Wochen zu bleiben. „Wir haben uns die Entscheidung aber nicht leicht gemacht, nichts überstürzt oder blauäugig gewagt”, erzählt Carsten Hase.

Bei aller Begeisterung war ihnen klar: Die Sache muss sich auch rechnen. Diese Regel gilt auf der Hochseeinsel ebenso wie auf dem Festland. Und mit einer Insel-Apotheke genug für zwei Apotheker erwirtschaften? Gar nicht so einfach, denn die eigentliche Saison dauert nur wenige Monate. Im Spätherbst und Winter kommen nur die wahren Insel-Fans nach Helgoland. Die Einführung der Notfallpauschale hat den beiden Festländern die Entscheidung schließlich sehr erleichtert. Denn als Insel-Apotheker hat man 365 nächtliche Notdienste im Jahr. „Das ist eine große Erleichterung, damit am Ende das betriebswirtschaftliche Ergebnis stimmt”, sagt Carsten Hase.

„Selbst die alteingesessenen Helgoländer haben in den letzten Wochen gesagt: Mensch, haben wir das schön hier." Carsten Hase, Apotheker

In den vergangenen Wochen hat das Paar seine neue Heimat von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Wochenlang waren die Helgoländer nur unter sich, durften zu Hochzeiten der Corona-Pandemie die Insel nicht verlassen, Touristen war die Anreise untersagt. „Plötzlich entdeckt man Ecken, die man vorher so nicht wahrgenommen hat und lernt bei Spaziergängen neue Leute kennen. Selbst die alteingesessenen Helgoländer haben ihre Insel mit neuen Augen gesehen und gesagt: Mensch, haben wir es schön hier”, erzählt Carsten Hase. Statt Inselkoller gab es ein neues Wir-Gefühl. Und das bei bester Verpflegung. „Unsere Kaufleute sind generell darauf eingestellt, eine gute Vorratshaltung zu betreiben. Man weiß ja nie, ob das nächste Schiff auch kommt. Toilettenpapier, Mehl, Nudeln – wir hatten selbst das, was auf dem Festland Mangelware war.”

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Mittlerweile gehören Carsten und Isolde Hase fest zur Inselgemeinschaft. Und das will schon was heißen, denn als „waschechter” Helgoländer gilt man erst, wenn man dort geboren wurde. Das allerdings können nur noch wenige Hundert der rund 1300 Bewohner von sich behaupten. Viele sind, wie das Braunschweiger Ehepaar, zugezogen. Die Insel-Apotheker können sich gut vorstellen, bis zur Rente auf Helgoland zu bleiben. Die Einheimischen freut's. Denn eine Insel ohne Apotheker? Unvorstellbar. Wenn man einen gefunden hat, muss man ihn ganz besonders gut behandeln.