img - 2020-09-22_Iss dich gesund!

Iss dich gesund!

Bei vielen Krankheiten wie Diabetes Typ 2, Gicht oder multiple Sklerose scheint das Schicksal der Patienten besiegelt. Bestenfalls eine Therapie mit Medikamenten schaffe Linderung, so die gängige Meinung. NDR-Ernährungsdoc Dr. Matthias Riedl hält dagegen und sagt: Die richtige Ernährung kann der Schlüssel zur Verbesserung der Lebensqualität, sogar der Heilung sein. Ein Gespräch über schlechte Angewohnheiten, gute Fette und das 20:80-Prinzip.

NEUE WEGE: Dr. Riedl, dass man Krankheiten wie Diabetes Typ 2, Gicht oder Migräne mit einer anderen Ernährung verbessern, sogar heilen kann, klingt zu schön, um wahr zu sein. Denn demnach hätten viele Patienten ihr Schicksal zum Teil selbst in der Hand.

Dr. Riedl: Man kann mit guter Ernährung Krankheitsbilder positiv beeinflussen. Immer öfter mache ich die Erfahrung, dass sich selbst aussichtslose und eigentlich für die Ernährungstherapie nicht zugängliche Fälle bessern. Warum? Es scheint so, als ob sich die westlichen Essgewohnheiten mittlerweile sehr weit von einer artgerechten Ernährung entfernt haben. Bei Diabetes Typ 2 oder Gicht ist der Zusammenhang ebenso klar wie bei Bluthochdruck oder erhöhten Blutfettwerten. Aber hätten Sie vermutet, dass auch Migräne, Colitis ulcerosa (eine Autoimmunerkrankung des Darms) oder multiple Sklerose auf Ernährungstherapie ansprechen?

Wenn dieser Zusammenhang so eindeutig zu sein scheint, warum wird die Ernährung in der Therapie bislang kaum berücksichtigt?

Dr. Riedl: Viele Ärzte glauben, dass Patienten ihre Ernährung nur kaum oder gar nicht ändern – als Beweis wird der mangelnde Erfolg von Abnehmdiäten angeführt. Allerdings sind die meisten Diäten veraltet und nutzlos. Es ist also vielmehr die falsche Methode, die zum Misserfolg führt. Für meine wissenschaftlich fundierte Aussage, dass Diabetes Typ 2 heilbar ist, habe ich 2014 auf einem internationalen Kongress noch Kritik geerntet. Und das, obwohl die Studienlage Heilungschancen von 10 bis 70 Prozent aufgezeigt hatte.

Bei Studien stößt die Forschung immer wieder auf erstaunliche Bei-spiele, wie Ernährung und Gesundheit zusammenhängen. Die mediterrane Kost wird oft als gutes Beispiel herangezogen.

Dr. Riedl: Das stimmt. In Südeuropa treten beispielsweise seltener Herzinfarkte und Krebs auf. Ein ganz besonderes Beispiel sind die Tsimane-Indianer im Amazonas-Regenwald. Selbst im hohen Alter von über 90 Jahren konnten Forscher bei den etwa 700 Indianern nur selten verkalkte Herzkranzgefäße feststellen. Sie ernähren sich viel von Pflanzen, Wurzeln, Nüssen, Pilzen und Obst. Auf der japanischen Insel Okinawa gibt es deutlich mehr über Hundertjährige als im Rest der Welt. Neben sozialen Faktoren wie Stress, Umweltbedingungen und sozialem Zusammenhalt, spielt Ernährung eine wesentliche Rolle. Frisches Gemüse, Früchte, frischer Fisch, Nüsse – das macht eine gesunde Ernährung aus. Kuchen, Gebäck und Süßigkeiten sind Genussmittel. Und wie der Name schon sagt, sollte man sie genießen – aber nicht jeden Tag.

Viele Menschen sind von der Informationsflut rund um die Ernährung überfordert. Es entsteht beinahe das Gefühl, dass jede Woche eine neue Studie veröffentlicht wird. Das, was bis gestern galt, kann heute schon falsch sein.

Dr. Riedl: Deshalb folgt die seriöse Ernährungsforschung auch keinen Trends. Die artgerechte Mischung entsteht automatisch auf dem Teller, wenn Sie sich ernähren wie ein Sammler und Jäger: Körner, Nüsse, Gemüse, ab und zu (zuckerarmes) Obst, Pilze, Kräuter, Gewürze, Fisch, mäßig Fleisch, keine Wurstwaren. Bei einer solchen Ernährung müssen Sie nicht viel rechnen oder abwiegen – und erst recht keine Kalorien zählen. Wenn Sie dann noch auf ein gesünderes Omega-3 und Omega-6-Verhältnis achten, sind sie rundum gut versorgt. Und nehmen nicht zu.

Viele kennen die klassische Ernährungspyramide. Wie würde die sich nach Ihrem Prinzip gestalten?

Dr. Riedl: 20 Prozent Nudeln, Kartoffeln, Reis, Brot sowie hochwertige Öle und Fette. 30 Prozent Fleisch, Fisch, Eiweiß aus Eiern, Milch, Milchprodukten, Nüssen und Hülsenfrüchte. Und 50 Prozent Gemüse, Salat, Pilze und zuckerarmes Obst.

Einige ernähren sich generell schon gesünder, andere müssten ihr gesamtes Leben ändern. Kann das klappen?

Dr. Riedl: Jedenfalls nicht, wenn man von einem Tag auf den anderen alles ändert. Das kann niemand durchhalten. In meinem Zentrum gehen wir nach dem 20:80-Prinzip vor. Das heißt unter anderem, mit wenigen Veränderungen (20 Prozent) viel zu erreichen (80-100 Prozent) und dabei die meisten Gewohnheiten (80 Prozent) beizubehalten. Gut und gesund frühstücken und Mittag essen, dafür das sonst üppige Abendbrot reduzieren, zuweilen einen Fastentag einlegen. Statt Butter gute Öle verwenden, den Fleischkonsum reduzieren – gute Ernährung ist leichter als gedacht.

Haben Sie DEN Tipp, wie man den Einstieg in eine gesunde Ernährung schafft?

Dr. Riedl: Einfach heute damit anfangen und sich langsam an die neuen Essgewohnheiten gewöhnen. Auch ein erfolgreicher Marathonläufer hat mal mit einem kleinen Lauf um den Block begonnen. Was ihn von vielen anderen unterscheidet: Er ist drangeblieben, hat kleine und große Tiefs überwunden, sich nicht entmutigen lassen und das Ziel im Auge behalten. Und er hat Spaß, bei dem, was er tut. Und das ist auch bei gesunder Ernährung wichtig: Sie muss Spaß machen. Und das tut sie auch.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Matthias Riedl ist als Internist in der Ernährungsmedizin und Diabetologe tätig. Er ist Gründer und ärztlicher Direktor der medicum Hamburg MVZ GmbH, Deutschlands größter Spezialpraxis für Diabetes, Ernährungsmedizin und angrenzender Fachgebiete. Deutschlandweit ist er durch die NDR-Sendung „Die Ernährungsdocs“ bekannt. Sein aktuellstes Buch: „Iss dich gesund. Mein Ernährungswissen und 150 Rezepte für ein gutes, langes Leben“, erschienen bei GU